Selbstakzeptanz: Hin zu (mehr) innerer Gelassenheit
„Das Leben gehört dem Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.“ (Johann Wolfgang von Goethe)
Die Welt um uns herum ist in ständiger Bewegung und Veränderung. Das Bestehende wird kontinuierlich hinterfragt: Was heute noch als verlässlich und sicher gilt, kann morgen schon der Dynamik des Wandels folgen und übermorgen anders aussehen, neu strukturiert oder nicht mehr da sein.
„Haltung ist eine kleine Sache, die einen großen Unterschied macht.“ (Winston Churchill)
Veränderung ist an sich nichts Negatives, sie ist erst mal einfach „da“ und passiert. Spannend ist, wie wir auf individueller Ebene mit diesem stetigen Wandel umgehen und uns ihm gegenüber verhalten. Welche innere Haltung liegt diesem (äußeren) Verhalten zugrunde? Vertrauen wir auf unseren inneren Halt oder überwiegen Gefühle der Instabilität und Unsicherheit angesichts der Unberechenbarkeit im Außen?
Wenn das „Außen“ nicht beständig ist, nichts, woran sich wirklich festhalten ließe und was Orientierung bietet, ist der innere Halt bzw. Anker umso mehr gefordert. Die selbstwirksame Navigation im Sturm der äußeren Umstände erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion und lebenslange Übung. Gerade zu Beginn dieses Prozesses kann es hilfreich sein, sich im Rahmen eines Coachings begleiten zu lassen.
„Das seltsame Paradoxon ist, dass, wenn ich mich so akzeptiere wie ich bin, ich die Möglichkeit erlange, mich zu verändern.“ (Carl Rogers)
Im Fokus steht dabei zunächst, die Perspektive nach innen zu richten und sich selbst wahrzunehmen und zu erforschen. Was macht die eigene Persönlichkeit aus? Welche Veranlagungen, Bedürfnisse und Motive sind da? Es geht darum, sich selbst zu ERKENNEN, zu VERSTEHEN und letztlich zu AKZEPTIEREN.
Die Selbstakzeptanz ist eine wesentliche Voraussetzung dafür zu lernen, mit sich selbst umzugehen bzw. sich selbst zu regulieren. Sich selbst zu regulieren meint, Emotionen, Impulse und Handlungen bewusst selbst zu steuern. Oder anders gesagt: Kenne ich meine Handlungsmuster, meine Triggerpunkte und mein Verhalten in bestimmten Situationen, kann ich Strategien entwickeln, wie ich (zukünftig) damit umgehen möchte. Ich versetze mich somit in die Lage eines selbstbestimmt und aktiv handelnden Menschen und mache mich unabhängig(er) von äußeren Umständen. Mein:e kompetente:r Begleiter:in bin ich selbst!
Auch der persönliche Umgang mit Stress profitiert von der eigenen achtsamen Wahrnehmungsfähigkeit und dem Wissen um die spezifischen Auslöser sowie der damit verbundenen Frühwarnsignale des Körpers. Auf Basis dessen lassen sich An- und Entspannungsphasen im Alltag bewusst regulieren und Selbstfürsorge-Praktiken integrieren.
„Erfolg ist die Summe vieler kleiner Anstrengungen, die tagein, tagaus wiederholt werden.“ (Robert Collier)
Anfangs erfordern all diese Prozesse ein erhöhtes Maß an Energie und Aufmerksamkeit. Es kann auch ungewohnt sein, sich so intensiv mit sich selbst zu beschäftigen. Mit der Zeit und je mehr man sich selbst annehmen kann, fällt es leichter und wird intuitiver, eine gelassenere Haltung einzunehmen – sowohl sich selbst gegenüber als auch nach außen gerichtet.
Ich bin diesen Weg gegangen, ich bin jenen Weg gegangen, dann bin ich meinen Weg gegangen. (Chinesische Weisheit)
Selbstfürsorge: Hin zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst
„Je größer die Geschwindigkeit, desto schneller schwindet die Wahrnehmung.“ (Georg-Wilhelm Exler)
Die Geschwindigkeit des Lebens sowie die Entgrenzung zuvor noch klar abgegrenzter Bereiche (wie z. B. von Arbeit und Privatem) nehmen beständig zu. Ein höheres Arbeitsaufkommen, Zeit- und Termindruck, regelmäßige Unterbrechungen, ständige Erreichbarkeit und eine zunehmende Digitalisierung samt entsprechender Informationsfülle sorgen dafür, dass sich immer mehr Menschen gestresst und erschöpft fühlen.
„Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“ (Mahatma Ghandi)
Auch wenn wir an gewisse Strukturen und Abläufe gebunden sind – z. B. an die Rahmenbedingungen eines Unternehmens – hat jede:r individuelle Möglichkeiten, etwas für sich, ihre:seine Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu tun. Ein Konzept, das vor diesem Hintergrund in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, ist das der Selbstfürsorge: „Selbstfürsorge heißt, sich selbst liebevoll und wertschätzend zu begegnen, das eigene Befinden und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und aktiv zum eigenen Wohlergehen beizutragen.“ [1]
Selbstfürsorge kann somit als präventiver Ansatz verstanden werden, um sich selbst vor psychischen Belastungsfolgen in Form von Burnout oder anderen psychischen Erkrankungen zu schützen. Wirksam ist Selbstfürsorge dann, wenn es uns zum einen gelingt, eine achtsame(re) Haltung sich selbst gegenüber zu entwickeln und zum anderen, durch entsprechende Maßnahmen im Alltag aktiv ins Tun zu kommen.
„Die Kunst des Ausruhens ist ein Teil der Kunst des Arbeitens.“ (John Steinbeck)
Eigentlich wissen wir tief in uns drinnen, was uns guttut. Die Herausforderung ist, die Wahrnehmung dafür – also den Blick nach innen – wieder zu trainieren. Darüber hinaus kann es mit Anstrengung und mitunter auch Überwindung einhergehen, sich um diese wahrgenommenen Bedürfnisse auch tatsächlich zu kümmern. Gerade in einer leistungs- und wachstumsorientierten Gesellschaft mag es einem zunächst seltsam erscheinen, für sich selbst zu sorgen und achtsam mit sich umzugehen.
Den Akku nicht bis ans Limit aufzubrauchen und stattdessen regelmäßig Pausen einzuplanen, auch mal „Nein“ zur nächsten Aufgabe und damit „Ja“ zu sich selbst zu sagen und sich Zeit für eigene Bedürfnisse zu nehmen ist jedoch mittel- und langfristig gesehen deutlich nachhaltiger und gesünder. Davon wiederum profitieren auch Unternehmen, Kolleg:innen und das private Umfeld.
„Wenn du ja sagst, dann sei dir sicher, dass du nicht nein zu dir selbst sagst.“ (Paulo Coelho)
Ein wesentlicher Teil der Selbstfürsorge ist eine vorangehende – und im weiteren Verlauf kontinuierlich stattfindende – Selbstreflexion: Welche Gedanken und Situationen lösen bei mir Stress aus? Was sind meine Bedürfnisse und wie gehe ich im (Arbeits-)Alltag mit diesen um? Bin ich mir meiner Grenzen bewusst und kann ich diese mir selbst gegenüber und auch nach außen vertreten?
Mit einer prozessualen Coaching-Begleitung sowie Umsetzung und Übung im Alltag kann das Stress- sowie Erschöpfungserleben reduziert und das Wohlbefinden gestärkt werden. Indem eine achtsame Haltung sich selbst gegenüber bewusst als Ressource wahrgenommen wird, gelingt auch der aktive Transfer in den Alltag einfacher, indem z. B. Pausen, Neinsagen und Entspannungspraktiken Platz darin finden.
[1] Dahl, C. & Dlugosch, G. E. (2020). Besser leben! Ein Seminar zur Stärkung der Selbstfürsorge von psychosozialen Fachkräften. Prävention und Gesundheitsförderung, 15 (1), 27–35. https://doi.org/10.1007/s11553-019-00735-2
Vergleiche: Hin zu (mehr) Fokus auf den eigenen Entwicklungsweg
„Bin ich auch nicht besser, so bin ich doch anders.“ (Jean-Jacques Rousseau)
Eine Auseinandersetzung mit dem „Selbst“ und damit verbunden die Arbeit an der Akzeptanz des „Selbst“ beinhaltet möglicherweise auch das Annehmen/Zulassen der eigenen Einzig- bzw. Andersartigkeit. In einem Kinderbuch [1] zu dem Thema werden die Bewusstheitszustände „Ich bin anders als du“, „Ich bin wie du“ und schlussendlich „Ich bin ich“ beschrieben. Das „Ich“ zu sehen und mit all seinen Facetten zu akzeptieren, ist mitunter nicht immer einfach. Insbesondere wenn Vergleiche mit anderen Personen angestellt werden, die etwas (vermeintlich) besser können.
„Alles, was wir sehen, ist eine Perspektive, nicht die Wahrheit.“ (Marc Aurel)
Oft sind es nicht die Vergleiche an sich, die mitunter negative Emotionen und Gefühle auslösen, sondern vielmehr die eigene Bewertung der Vergleiche. Hinzu kommt das Ausmaß, in dem wir uns von den Vergleichen beeinflussen lassen – und in welche Richtung diese Beeinflussung geht. Gesünder ist es, Vergleiche mit anderen auf eine Weise zu betrachten, die Lern- und Entwicklungsraum für einen selbst eröffnet. So können Vergleiche inspirierend wirken – anstatt dass sie dazu führen, sich selbst abzuwerten.
„Wenn Sie nach Perfektion suchen, werden Sie nie zufrieden sein.“ (Leo Tolstoi)
Da wir uns ohnehin ständig – unbewusst oder bewusst – mit anderen vergleichen, ist es hilfreich, sich dieser Vergleiche bewusst(er) zu werden: In welchen Situationen vergleiche ich mich besonders oft? Tendiere ich dazu, mich mit bestimmten Personen zu vergleichen? Was geht in mir vor, wenn ich mich vergleiche? Darüber hinaus kann das Setzen eigener Maßstäbe dabei unterstützen, sich selbst beim Vergleichen zu regulieren und sich bewusst Grenzen zu setzen, um sich nicht in einer Negativspirale zu verlieren.
„Selbstakzeptanz ist meine Weigerung, eine feindselige Beziehung zu mir selbst zu haben.“ (Nathaniel Branden)
Wir alle sind „auf dem Weg“ – ein Leben lang. Es gibt in dem Sinne kein allgemeingültiges Ziel, das es unbedingt zu erreichen gilt. Sich selbst als jemanden zu begreifen, der unterwegs/auf dem Weg ist, ermöglicht eine andere Vergleichsperspektive, nämlich sich selbst im Zeitverlauf zu betrachten. Wo stehe ich heute im Vergleich zu damals? Was habe ich schon erreicht? Wie habe ich mich persönlich weiterentwickelt? Denn: „Wir gehen nicht, um schneller zu sein als die anderen, sondern wir versuchen, über das hinauszugehen, was wir jetzt sind, und das macht den Wert des Einzelnen aus.“ [2]
[1] Von Kitzing, C. (2019). Ich bin anders als du – Ich bin wie du. Hamburg: Carlsen.
[2] Kishimi, I. & Koga, F. (2022). Du musst nicht von allen gemocht werden. Vom Mut, sich nicht zu verbiegen. Hamburg: Rowohlt. S. 96.